Ein Picknick

Skizze von Teo von Torn
in: „Pilsener Tageblatt” vom 17.08.1900


„Es ist mir nicht möglich, meine Gnädigste, aber — lassen Sie sich nicht stören, ich bitte Sie!”

Das runde, rosige Kindergesicht der Gräfin Bornrode hob sich mit einem Ausdruck von Staunen und lächelndem Unglauben. Ihre Pupillen erwiterten sich, so daß die grüngoldene Iris fast verschwand in dem tiefen Schwarz, aus dem es den seltsamen Widerspenstigen fragend und befremdet anfunkelte.

Die hageren Züge des Rittmeisters von Queiß färbten sich tiefer unter dem Blick dieser unvernünftigen Augen. Aber er blieb fest.

Ohne den Blick von ihm abzuwenden, knöpfte die Gräfin ihr kurzes englisches Jaquet auf und ließ die Händchen in den Taschen desselben verschwinden.

„Darf man fragen, warum Ihnen heute unmöglich ist, was Sie gestern noch begeisterte und was Sie im Grunde selbst entriert haben?”

„Wir hatten die Waldmühle als Rendezvous-Platz vorgesehen —”

„Und wenn ich nun diese entzückende Lichtung v orziehe?”

Der Ausdruck von Hilflosigkeit, welche sich in dem bleichen, energisch geschnittenen Antlitze des Rittmeisters malte, hatte fast etwas Peinliches. Seine Nasenflügel bebten, als er die Schultern emporzog und die Hände nach einer bedauernden Geste schlaff herabhängen ließ:

„So werde ich für meine Person mich zurückziehen —”

„Und weshalb?”

Er antwortete nicht. Indifferent sah er auf das laute und lustige Getriebe, welches sich auf der engen, von Buchen und Fichten umstandenen Lichtung entwickelte. Die Gesellschaft ließ sich auf mitgebrachten Plaids nieder und die Lakaien schleppten aus den auf der unfernen Chaussee haltenden Wagen Körbe heran. Egbert von Queiß machte den Eindruck eines Menschen, der all das unbestimmt und wie aus weiter Ferne sah, obwohl es sich wenige Schritte von ihm abspielte. Es stand ein anderes Bild vor seiner Seele — — und von diesem mußte er sich gewaltsam freimachen, als die Gräfin mit einer lebhaften Bewegung noch näher an ihn herantrat.

„Ich kann mich nun mit Ihrer seltsamen Marotte nicht länger abgeben, mein lieber Herr Rittmeister!” stieß die schöne Frau zornig hervor. „Wenn Sie die Absicht haben, mir ein ebenso uninteressantes als schwieriges Räthsel aufzugeben, so ist Ihnen das geglückt.”

„Gräfin — ich kann nicht anders und ich beschwöre Sie — —”

„Also dann, so gehen Sie denn. Aber verlangen Sie nicht, daß ich der Gesellschaft etwas erkläre, was ich selbst nicht begreife.”

Indem sie sich abwandte, fügte sie leise und zögernd hinzu: „Ich hätte die Fahrt nicht unternommen, Queiß, wenn ich geahnt hätte, daß Sie so unritterlich sein würden, mich diesem Svengali von Doctor zu überlassen — —”

Damit ging sie. Ohne sich umzusehen, wußte sie, daß er ihr nun folgen würde. Und er folgte ihr — schleppend mit hängenden Schultern, wie jemand, der an etwas Unabwendlichem schwer zu tragen hat. Die an ihn gerichteten Scherzworte und launigen Zurufe beantwortete er mit dem nervös gespannten Lächeln eines Menschen, der immer den nächsten Augenblick erwartet.

*           *           *

Die Sonne fiel bereits schräg durch die Bäume und malte lange gelbe Streifen quer über die Lichtung. Die Diener hatten abgeräumt — bis auf die Bowlen znd Weinkühler, welche in dem weichen Grase eingebettet waren und die reichlich frequentiert wurden. Der blaugraue Rauch von Cigaretten wirbelte auf.

Ein Vorschlag, Gesellschaftsspiele zu veranstalten, war mit großer Majorität abgelehnt worden. Es war viel gemüthlicher so. Man plauderze, lachte und flirtete und befand sich unendlich wohl dabei.

In einer jener Gesprächspausen, die auch in angeregtester Gesellschaft plötzlich eintreten, erhob der dicke Amtsrath Grewe nach dem dritten oder vierten Toast auf die Damen sein Glas und weihte dasselbe dem Rittmeister von Queiß, dem Vater dieser herrlichen Idee, sich im Grünen zusammenzufinden. Hochrufe, Tusch und Gläserklingen auf allen Seiten.

Das kam so unvermittelt und herzlich, daß des Rittmeisters Züge sich aufhellten — namentlich als Claire Bornrode ihm ihr Glas entgegenhielt. Wieder erweiterten sich ihre Pupillen, sodaß die grüngoldene Iris fast verschwand in dem märchenhaften Schwarz, aus dem es wie Verheißung aufleuchtete — —

Das war nur ein Blick — ein Bruchtheil einer Secunde, aber man hatte ihn doch bemerkt. Die Gräfin hatte es so einzurichten gewußt, daß Dr. Slingham, der berühmte englische Modearzt, welcher seit Monaten mit der Macht einer geradezu unheimlichen Persönlichkeit auf sie einzuwirken suchte, an einem anderen Tafeltuch placiert war. Sie mochte diesen Svengali, unter dessen magnetisierenden Blicken sie erschauerte, nicht in ihrer Nähe haben.

Jetzt trat er herzu. Um seine schmalen Lippen, die von dem schwarzen Barte fast verdeckt waren, spielte ein seltsames Lächeln.

„Wenn ich nicht irre,” sagte er, indem er mit einer ihm eigenen nervösen Bewegung die tief in die Stirn fallenden Haare zurückstrich, „war unser verehrter Manager zuerst nicht für diesen schönen Platz —”

„Das wissen Sie auch schon wieder!?” rief die Gräfin zwischen Ernst und Lachen.

„Ich weiß alles.”

Das klang so einfach und beziehungslos, daß selbst das sensible Feingefühl der Gräfin nichts darin fand. Die schöne Frau schrak ordentlich zusammen und auch die Gesellschaft horchte befremdet auf, als der Rittmeister laut und mit provocierender Schärfe bemerkte:

„Namentlich Dinge, wie es scheint, die den Herrn Dr. Slingham nichts angehen.”

Der Engländer zuckte nicht mit der Wimper. Nur einen einzigen stahlharten Blick warf er auf den Erregten. Dann sah er zu Boden — wie in Nachdenken versunken.

Claire Bornrode suchte die Spannung zu lösen.

„Allerdings war Herr Rittmeister von Queiß ursprünglich gegen diesen Platz,” warf sie in leichtem Plauderton ein; „er meinte, wir würden unter Ameisen zu leiden haben — — nicht wahr, Herr Rittmeister?”

Egbert von Queiß würgte an einer Antwort. Der grüne Römer schwankte in seiner Hand, und er brachte es nur zu einem Kopfnicken, das sich fast übereifrig ausnahm in Anbetracht der schroffen Ablehnung von vorhin.

Auch Mr. Slingham nickte ein-, zweimal vor sich hin — ohne aufzusehen, den Blick wie suchend am Boden geheftet. Auch als er dann sprach, klang es langsam und suchend, als wenn er dunklen Erinnerungen nachtastete.

„Ameisen — ganz recht — die gibt es hier — — der Herr Rittmeister hat ein gutes Gedächtnis. Ich erinnere mich auch. Nur will mir scheinen, als wenn ihrer mehr gewesen wären — und eine größere, mehr geschäftige Art — — aber ich kann mich irren. Solch ein Thierchen nimmt sich anders aus, wenn es über bunte Seidendecken und Silbergeschirr einherhuscht, als wenn es über das gelbe Antlitz und über die offenen verglasten Augen eines Todten hinweghastet.”

Alles lauschte wie erstarrt. Der Rittmeister hatte gleich bei den ersten Worten versucht, sich zu erheben, aber die Glieder versagten ihm den Dienst. Er fiel zurück und schloß die Augen wie unter einem betäubenden Schlage. Der Engländer lächelte sein seltsames Lächeln und fuhr unbeirrt fort.

„Er, sie und der Andere, meine Herrschaften — die alte Geschichte. Er war ein Edelmann hier herum, der sein Weib so temperamentvoll liebte, daß sein Mund überfloß in der Schilderung ihrer unvergleichlichen Schönheit — selbst in den Casinos, zwischen Sect und Baccarat. Der Andere verwies ihm das — — darauf ein böses Wort — und dieses Wort schrie nach Blut. Soweit hat alles seine Richtigkeit, meine Damen und Herren. Der Rest ist häßlich. Er und der Andere verabredeten, einander ohne Zeugen gegenüberzutreten — mit ihren Jagdgewehren. Da der Arzt seine Mitwirkung bei diesem cavalierswidrigen Rencontre versagt, kam er erst dazu, als der — — beklagenswerte Jagdunfall bereits geschehen war. Der eine lag mit durchschossener Brust hier — in dieser Lichtung, just an derselben Stelle, wo jetzt der Herr Rittmeister — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — schade — er hat also die Geschichte seines Freundes Bornrode nicht bis zu Ende gehört. Und — sehen Sie, meine Herrschaften! — merkwürdig — — wieder diese Ameisen — — —”

— — —